Samson et Dalila an der Deutschen Oper Berlin- Du hast die Haare (nicht) schön

Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns ist sicher nicht die meistgespielte Oper der Welt (denn das ist Carmen, haha), aber dieses Werk hat schon große Momente. Das Duett der Titelhelden gehört ebenso dazu wie die tolle Ballettmusik. Der biblische Stoff ist allerdings arg…biblisch, es ist schwer zu beschreiben, aber er wirkt dann doch angestaubt, aber mystisch und eben typisch biblisch, was auch immer das genau sein mag.

So erfreut die Idee, die Oper in die Zeit des Komponisten zu verlegen, in die Zeit während bzw. kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Die Pariser Bevölkerung liegt am Boden und versucht sich zu wehren. Ihr charismatischer Anführer ist eben Samson. In diesem Setting ist es dann auch normal, dass nicht die Haare Kraft verleihen, sondern die Ausstrahlung und Autorität der Führerfigur Samson. Nur wie kann man diese glaubhaft brechen? Der Regisseur Patrick Kinmonth lässt hier Dalila Macht über ihre erotische Ausstrahlung ausüben. Als sie sich Samson, der sie ja auch hier liebt, aber abweist, verliert sie die Kontrolle über ihn und erfährt gerade dadurch gewalt- und schmerzvoll sein Geheimnis: Er vergewaltigt sie und ist wegen dieser Handlung eben nicht mehr eine moralische Autorität, er verliert alle seine Glaubwürdigkeit, wenn er so mit seiner Frau umgeht. Auf dem Schlusston schlägt Dalila den gemeinsamen Sohn ohne Sinn- so wie sie ohne Sinn Gewalt erleben musste. Soweit ist das Konzept logisch. Der dritte Akt ist anders.  Wir erleben eine Feier der Philister, vorher haben sich Samson und sein Sohn noch wie Clowns geschminkt und Samson wird verspottet, von Dalila, vom Chor. Nur als Gott ihm seine Kraft zurückgeben soll passiert- nichts. Der Chor streift die Kostüme aus dem 19. Jahrhundert ab und trägt jetzt die Kleidung aus dem 20. Jahrhundert, auf dem Bahnsteig fahren Güterwaggons vor. Warum das eigentlich? Sie sollen auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts hindeuten, bloß was haben diese Andeutungen hier zu suchen? Eigentlich zerstören sie die bis zum Ende des zweiten Aktes durchaus starke Bildsprache. Aber selbst die ist relativ schwer verständlich und hätte sich mir ohne Programmheft sicher auch nicht ohne weiteres erschlossen. Und eigentlich sollte mein eine Inszenierung auch ohne Programmheft einigermaßen verstehen. Entsprechend holte sich das Regieteam überaus viele Buhrufe ab, einzelne Bravos waren zu hören, viele Leute klatschten einfach nicht.

Musikalisch gibt es dagegen nichts zu meckern. Chor und Orchester (Leitung: Alain Altinoglu) waren in hervorragender Verfassung und erhielten viele Bravo-Rufe. Vesselina Kasarova glückte ein einfühlsames Rollenportrait, ihr Dalila-Debut kann man als rundum gelungen bezeichnen. José Cura hat dann doch ein paar Töne verpasst und klang ab- und zu angestrengt, aber er hat trotzdem einen guten Abend.  Beeindruckend gelang Laurent Naouri der Oberpriester.

Alles in allem eine Regie mit interessanten Ideen, die am Ende wahrscheinlich zu viel gewollt und zu wenig gekonnt hat, und eine gutaufgestellte Sängerriege. Trotz der Schwächen eine gut Aufführung, die sich lohnt!

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