Eine „richtige“ Premiere war es ja doch nicht. Die Produktion gab’s ja schonmal in Köln, deswegen stand ja auch überall „Berliner Premiere“. Aber die Inszenierung war es wert, eingekauft worden zu sein, soviel vorweg.
Macbeth in Grau und Gut
f J, 2011Samson et Dalila an der Deutschen Oper Berlin- Du hast die Haare (nicht) schön
f J, 2011Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns ist sicher nicht die meistgespielte Oper der Welt (denn das ist Carmen, haha), aber dieses Werk hat schon große Momente. Das Duett der Titelhelden gehört ebenso dazu wie die tolle Ballettmusik. Der biblische Stoff ist allerdings arg…biblisch, es ist schwer zu beschreiben, aber er wirkt dann doch angestaubt, aber mystisch und eben typisch biblisch, was auch immer das genau sein mag.
So erfreut die Idee, die Oper in die Zeit des Komponisten zu verlegen, in die Zeit während bzw. kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Die Pariser Bevölkerung liegt am Boden und versucht sich zu wehren. Ihr charismatischer Anführer ist eben Samson. In diesem Setting ist es dann auch normal, dass nicht die Haare Kraft verleihen, sondern die Ausstrahlung und Autorität der Führerfigur Samson. Nur wie kann man diese glaubhaft brechen? Der Regisseur Patrick Kinmonth lässt hier Dalila Macht über ihre erotische Ausstrahlung ausüben. Als sie sich Samson, der sie ja auch hier liebt, aber abweist, verliert sie die Kontrolle über ihn und erfährt gerade dadurch gewalt- und schmerzvoll sein Geheimnis: Er vergewaltigt sie und ist wegen dieser Handlung eben nicht mehr eine moralische Autorität, er verliert alle seine Glaubwürdigkeit, wenn er so mit seiner Frau umgeht. Auf dem Schlusston schlägt Dalila den gemeinsamen Sohn ohne Sinn- so wie sie ohne Sinn Gewalt erleben musste. Soweit ist das Konzept logisch. Der dritte Akt ist anders. Wir erleben eine Feier der Philister, vorher haben sich Samson und sein Sohn noch wie Clowns geschminkt und Samson wird verspottet, von Dalila, vom Chor. Nur als Gott ihm seine Kraft zurückgeben soll passiert- nichts. Der Chor streift die Kostüme aus dem 19. Jahrhundert ab und trägt jetzt die Kleidung aus dem 20. Jahrhundert, auf dem Bahnsteig fahren Güterwaggons vor. Warum das eigentlich? Sie sollen auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts hindeuten, bloß was haben diese Andeutungen hier zu suchen? Eigentlich zerstören sie die bis zum Ende des zweiten Aktes durchaus starke Bildsprache. Aber selbst die ist relativ schwer verständlich und hätte sich mir ohne Programmheft sicher auch nicht ohne weiteres erschlossen. Und eigentlich sollte mein eine Inszenierung auch ohne Programmheft einigermaßen verstehen. Entsprechend holte sich das Regieteam überaus viele Buhrufe ab, einzelne Bravos waren zu hören, viele Leute klatschten einfach nicht.
Musikalisch gibt es dagegen nichts zu meckern. Chor und Orchester (Leitung: Alain Altinoglu) waren in hervorragender Verfassung und erhielten viele Bravo-Rufe. Vesselina Kasarova glückte ein einfühlsames Rollenportrait, ihr Dalila-Debut kann man als rundum gelungen bezeichnen. José Cura hat dann doch ein paar Töne verpasst und klang ab- und zu angestrengt, aber er hat trotzdem einen guten Abend. Beeindruckend gelang Laurent Naouri der Oberpriester.
Alles in allem eine Regie mit interessanten Ideen, die am Ende wahrscheinlich zu viel gewollt und zu wenig gekonnt hat, und eine gutaufgestellte Sängerriege. Trotz der Schwächen eine gut Aufführung, die sich lohnt!
Tristan und Isolde an der Deutschen Oper Berlin
f J, 2011Es ist sehr verwunderlich, dass mir zu einem 5-Stunden-Abend eigentlich nur sehr wenig einfällt. Aber es ist auch irgendwie bezeichnend für die Inszenierung. Im Kern war sie vor allem eins: Belanglos. Sie war modern, aber entlockte dabei dem Werk kaum neue Facetten. Einzig die Idee des Zeitsprungs zwischen dem zweiten und dritten Akt wirkte durchdacht und dabei neuartig.
Musikalisch kann man nicht meckern, auch wenn ich mit dem Wort „Sternstunde“, wie es das rbb-Kulturradio benutzt hat, vorsichtig wäre. Das Orchester unter Donald Runnicles war sehr gut bei der Sache, das Dirigat war sehr überzeugend. Peter Seiffert als Tristan war wirklich extrem gut, seine Frau Kristinn Sigmundsson war zwar an den lyrischen Stellen herzergreifend, kam an so mancher dramatischer Stelle aber nicht mehr übers Orchester. Die restlichen Rollen waren überzeugend besetzt, einzeln zu nennen wäre der Einspringer Sebastian Noack als ziemlich beeindruckender Kurwenal.
Insgesamt also eine solide Vorstellung in sehr guter musikalischer Qualität. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Wenn man im Lexikon unter „Fauler Kompromiss“ nachschlagen würde,…
f J, 2011…dann könnte man als Erklärung auch einfach das Verhandlungsergebnis über den Hartz-IV-Regelsatz abdrucken.
Erst scheitern die Verhandlungen unter der Führung von Frau von der Leyen und Frau Schwesig, dann kommen die guten, alten Ministerpräsidenten (Beck, Seehofer) und kaspern sich von jetzt auf gleich etwas aus, die Grünen geben die Verhandlungen dann gleich auf (ist natürlich auch leicht, wenn man eigentlich sowieso nicht gebraucht wird) und wir haben etwas auf dem Tisch:
- Regelsatzerhöhung (um die geplanten 5€ und dann nochmal gestuft 3 weitere Euros
- Mindestlohn für Leiharbeiter und Wachleute
- ausgeweitetes Bildungspaket
Insbesondere der zweite Punkt macht mir Spaß: Er ist zwar zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, aber ich weiß ehrlich nicht, was die FDP gegen die gleiche Bezahlung vom ersten Tag an hat. Leistung soll sich doch eigentlich lohnen. Eigentlich müsste das doch ihre Ideologie viel mehr zupass kommen als ein Mindestlohn. Aber naja, wer versteht schon die FDP?
Und wer versteht, was das alles mit der Neuberechnung der ALG-II-Sätze zu tun hat? Denn auch da zweifelt ja die SPD an der „sauberen“ Berechnung. Deswegen erging doch das Verfassungsgerichtsurteil im letzten Jahr. Aber naja, dafür ist ja die Regierung verantwortlich, das ist eine wirklich tolle Ausrede.
Die Liebe der Danae- Deutsche Oper Berlin
f J, 2011Das Abschiedsgeschenk der scheidenden Intendantin ist also da: Die Neuproduktion der vorletzten Oper von Richard Strauss „Die Liebe der Danae“ feierte an der Bismarckstraße Premiere.
Es war ein gelungener Ausstand für Frau Harms, wenn auch keine Sternstunde der Inszenierungskunst oder des Strauss-Gesangs. Aber beginnen wir von vorn:.
Die Berliner Opernorchester, Barenboim und der Streik
f J, 2010So, jetzt ist der Streit um die Gehälter der Berliner Opernorchestermusiker also in der Politik angekommen, man spricht im Abgeordnetenhaus darüber, es wird sich auch weiter von allen Seiten dazu geäußert. Auch wenn es ja eigentlich nur um das Aushelfen in anderen Orchestern der Opernstiftung geht oder wenigstens eine größere Gehaltserhöhung, so fällt eine Sache ganz besonders auf: Der Streik findet nur bei den Orchestern der Deutschen Oper Berlin (DOB) und der Komischen Oper Berlin (KOB) statt, die Staatskapelle, das Orchester der Staatsoper im Schillertheater streikt nicht. Warum nicht? Die Staatskapelle wird, weil Barenboim damals seinen Abgang angedroht hatte, auf vom Bund mit zusätzlichem Geld unterstützt und kann bessere Gehälter zahlen. Begründung für den Zuschuss? Die Staatskapelle bringt ja auch viel mehr ein auf ihren vielen Tourneen. Und die könnten die anderen Orchester, wären sie gut genug, ja auch machen.
Ja, die Staatskapelle ist das beste Opernorchester Berlins, ja sie ist das wahrscheinlich zweitbeste Orchester Berlins insgesamt nach den Philharmonikern unter Rattle, doch ist bei besserem Gehalt die bessere Leistung nur eine sich selbst erfüllende Prophezeihung, weil es die besseren Musiker zur Staatskapelle ziehen wird.
Erschwerend kommt hinzu, dass man wohl selten reine Opernorchester einladen wird, die großen Häuser haben doch ihre eigenen Orchester, oder hat das Orchester der MET schonmal in London gastiert, oder das der Scala in Zürich? Warum sollte man also das Orchester der DOB oder KOB einladen? Die Staatskapelle wird dagegen unter Barenboim schon zum halben Sinfonieorchester.
Und wo wir gerade bei Barenboim sind: Es gab da schonmal einen großen Dirigenten, der mit seinem Abschied gedroht hat, wenn er nicht mehr Geld bekommt. Christian Thielemann war GMD der DOB. Was war das Ende? Er ist dann halt gegangen, bei Barenboim war plötzlich Geld vom Bund da.
Und müsste man bei der Begründung „Sie bringt mehr ein“ nicht auch die DOB finanziell mehr fördern als die anderen Häuser? Immerhin sind da ja 1900 Plätze zu füllen und wurden in der letzten Spielzeit auch gut gefüllt. Trotzdem wurde, als die Opernstiftung einen 20 Mio. Euro großen Überschuss erwirtschaftete, der Kuchen so aufgeteilt, dass das größte Haus am wenigsten bekam. Hier zählt die Logik also nicht mehr? Interessant, interessant.
Und wenn wir nur mit der Leistung argumentieren würden: Warum bekommt dann der Chor der DOB nicht mehr Geld? Immerhin ist er den Chören von Staatsoper im Schillertheater und Komischer Oper weit überlegen. (alle, die Rienzi und Otello in der letzten Spielzeit gesehen haben, werden da zustimmen)
Und so bricht die Argumentation für die Besserstellung der Staatskapelle langsam zusammen. Also: Die Gehälter gehören angeglichen, die 3 Opern sollten gleichberechtigt existieren, die Bevorzugung der Staatsoper ist nicht zu halten!
Gesundheitsreform Nr. X- Wann kommt endlich der radikale Bruch mit Bismarck?
f J, 2010Keine Frage: In den 1880ern war das deutsche Sozialsystem extrem fortschrittlich. Die Krankenversicherung 1883 war ein enormer Fortschritt in Zeiten des ungehemmten Kapitalismus.
Nur sind wir schon über das Jahr 1880 hinaus. Und trotzdem klammern wir uns an das Bismarck’sche System der Sozialversicherungen. Warum eigentlich? Was hindert uns am großen Bruch? Warum zwanghaft „echte“ Versicherungen? Ist es nur das historisch gewachesene, was nicht einfach in einer kleinen „Revolution von oben“ umwälzen könnten?
Es gibt ein großes Problem mit unserer Sozialversicherung: Sie wird nur von Löhnen und Gehältern gezahlt. Kapitalerträge und Mieteinnahmen aller Art werden nicht erfasst. Zusätzlich sind die Beträge gedeckelt, sodass der Anteil des Lohnes, der für die Sozialversicherung gezahlt wird, bei hohen und sehr hohen Einkommen sinkt. Ist das denn der Sinn der Sache?
Also: Warum werfen wir die Versicherungen nicht einfach über einen Haufen und finanzieren das Sozialsystem aus Steuergeldern? Steuererhöhungen wären zwar nicht wirklich einfach zu verkaufen, aber dafür fallen ja die Versicherungsbeiträge weg. Jeder würde für das Sozialsystem sorgen. Im gleichen Atemzug (auch wenn es ein komplett anderes Kapitel ist) würde der Kapitalertragssteuersatz nicht mehr konstant sein, sondern auch wirklich progressiv. Jeder zahlt nach seiner Kraft ein. Also nochmal: Warum unbedingt Versicherungen?
An diesem in der richtigen Ausgestaltung wirklich sozialem Konzept ist komischerweise die FDP-Lieblingsidee am nächsten dran: Die Kopfpauschale. Der Knackpunkt dort ist der Sozialausgleich aus Steuergeldern. Wenn man diesen vernünftig ausgestalten könnte, wäre die Kopfpauschale sozialer als so ziemlich alles, was wir jetzt haben. Wenn nämlich dieser Sozialausgleich für die gesamte untere Hälfte der Einkommen gezahlt würde (in ausreichender Höhe) und mit Steuererhöhungen für alle finanziert würde. Das wäre allerdings eine klassische Umverteilung von oben nach unten und das ist ja nun nicht im Sinne der FDP. Schade eigentlich, dass sie dieses Modell so in Verruf gebracht hat, dass es bei SPD/Grünen/CSU schon solche Beißreflexe auslöst, dass man nicht mehr vernünftig drüber reden kann. Wirklich schade.
Was haben Ingenieure (und Naturwissenschaftler) eigentlich gegen „Verbalwissenschaftler“?
f J, 2010„Verbalwissenschaftler“: Das Wort wurde vom Biologen Ulrich Kutschera eingeführt um die Geisteswissenschaften von den von ihm in „Realwissenschaften“ umgetauften Naturwissenschaften abzugrenzen. Und auch in aktuellen Diskussionen werden Geisteswissenschaftler häufig als akademische Dünnbrettbohrer abgetan. Die „Schwierigkeit“ eines Studiengangs wird dann fast komplett am mathematischen Abstraktiongrad festgemacht, während Germanisten und Philosophen ja nur anspruchslose „Laberfächer“ studieren. Da muss man dann im Spiegel-Online-Forum lesen, dass „jeder Ingenieur [...] Sozialpädagogik schaffen“ würde. Soso. Jeder Ingenieur, ohne Ausnahme. Interessant. Mein Fachgebiet ist das anspruchsvollste. Sowieso. Von den anderen würde ich doch vier verschiedene parallel schaffen.
Was mich aber noch viel mehr wundert: Zumindest in der Diskussion fällt auf, dass solche Anfeindungen meist (Ausnahmen bestätigen da die Regel) von angehenden Ingenieuren kommen. Warum das eigentlich? Dass diese Zunft unseren Wohlstand ja quasi allein produziert, ist ja schon lange klar. Theaterwissenschaftler kosten doch nur Geld. Musik gäbe es auch ohne Musikwissenschaftler. Germanisten sind doch überflüssig. Politikwissenschaftler brauche ich doch in meinem Leben nicht. Und Philosophen? Die labern doch auch nur in ihrem Elfenbeinturm herum und haben der Welt nichts gebracht. Was können die schon? Außer erzählen?
Doch wir brauchen, auch angesichts der Fortschritte der Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Biologie im Speziellen, eine starke Gemeinde von Geisteswissenschaftlern. Fragen über die Anwendung neuester gentechnischer -therapeuthischer und -diagnostischer Methoden, über die Anwendung technischer Entwicklungen wie RFID dürfen eben nicht nur von reinen Naturwissenschaftlern geklärt werden. Hier MUSS die Geisteswissenschaften außerhalt des Lichts der biologischen Erkenntnis wirken. Hier müssen Grenzen aufgezeigt werden, hier muss auch eine Trennung stattfinden, hier kann die „Einheitswissenschaft“ nicht funktionieren.
Ach übrigens: mein Studium (Physik) ist sowieso das Schwierigste von allen.
Die Berliner Opernsaison 2009/2010
f J, 2010Leicht verspätet (aber noch vor dem Beginn der neuen Spielzeit) folgt hier mein Fazit für die Opernsaison 2009/2010 in Berlin. Viele tolle Abende in den drei Häusern liegen hinter mir. Mehrheitlich fand die Spielzeit aber für mich der Deutschen Oper Berlin statt. Das Haus gefällt mir mit der Ästethik der Inszenierungen und auch des Saals, wo noch die Aufführung der Oper, die Akkustik und die Sicht im Mittelpunkt stehen, immernoch am besten.